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Michael Beard, Nobelpreisträger der Physik und Schürzenjäger, ist in die Jahre gekommen. Gegen Ende der Ereignisse, die in dem Buch „Solar“ von Ian McEwan (Jonathan Cape, Random House, London, 2010) geschildert werden, macht der Autor vom Stilmittel des Dialogs Gebrauch, über weite Passagen ist das Buch als „stream of consciousness“, also eine Art innerer Monolog in der personalen Erzählform geschrieben. Es handelt sich im Folgenden um ein Telefongespräch Beards mit seiner Londoner Geliebten Melissa, mit der er wider seinen Willen ein Kind, Catriona, 3 Jahre alt,  er selber ist 61, hat. In der Nähe von El Paso soll Michael Beard ein – sein – großes Projekt zur Erzeugung von Solarenergie einweihen. Die Pläne dazu hatte er vor Jahren einem jungen Mitarbeiter, dem letzten Geliebten seiner letzten Ex-Frau, dessen Tod irgendwie auf sein Konto geht, gestohlen. Darlene, seiner Geliebten in New Mexico, hatte er in einer heißen Nacht in deren Wohnwagen die Ehe versprochen.

 

Nun sieht er also im Display seines Handys, dass ein Anruf von Melissa, die er in London wähnt, sich ankündigt. Wahrscheinlich will sie ihm Gute Nacht wünschen – denkt Michael... (S. 260)

 

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Sein Leben

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  Liebling,“ sagte er schnell, bevor sie etwas sagen konnte. „Ich habe schon versucht, dich zu erreichen.“

  „Wir waren im Flugzeug.“

  Nun rennt sie mit ihrem Dirigenten (ihrem vermeintlichen Liebhaber) davon, nimmt mein Kind mit, war sein erster Gedanke. „Wo bist du?“ sagte er missmutig in der Erwartung, dass sie ihn anlügen würde.

  „Wir verlassen soeben El Paso.“

  Das verschlug ihm erst mal die Sprache. Schließlich sagte er: „Wie denn das? Ich verstehe das nicht.“

  „Wir haben uns auf den Weg gemacht. In der Zwischensaison kann Lenochka sich um die Geschäfte kümmern, und, du weißt ja, Catriona und ich müssen etwas mit dir besprechen.“

  „Was denn?“ sagte Beard mit einem mulmigen Gefühl. Was hatte er denn getan?

  Sie sagte: „Ein Person, die sich Darlene nannte, rief an, um mir zu sagen, ihr zwei würdet demnächst heiraten. Bevor ihr das macht, würden deine Tochter und ich gern ein Wörtchen mit dir reden.”

  Darum gehts. Die Situation tauchte schemenhaft in seiner Erinnerung auf, aber dann wurde ihm plötzlich alles klar, vor ein paar Wochen im Schlafzimmer des Wohnwagens. Darlene hatte diesen Augenblick bisher nie wieder erwähnt.

  Er sagte: „Melissa, bitte glaube mir, daran ist kein bisschen wahr.“ Als ob er, indem er das sagte, sie veranlassen könnte, nach London zurückzukehren, und ihm ein freier Abend bliebe.

  Sie sagte: „Bleib' dran, Ich muss diese Ausfahrt nehmen... Noch etwas solltest du wissen, bevor wir uns sehen. Terry.“ (Das ist der Dirigent, den Melissa als ihren Liebhaber genannt hatte, als für beide klar geworden war, dass Michael eine Geliebte in den USA hatte.)

  „Ja.“

  „Ihn gibt es nicht. Ich habe ihn erfunden. Auf die Art und Weise habe ich versucht, das Gesicht zu wahren. Das war dumm von mir. Es hat die Sache nur verschlimmert.“

  „Ich verstehe,“ sagte Beard.

  Und nun wurde ihm klar. Sie hatte die Erfindung „Terry“ rückgängig gemacht, und jetzt würde man von ihm erwarten, dasselbe mit Darlene zu tun. Er hörte im Hintergrund Catriona singen oder schreien.

  Melissa sagte: „Wir sehen uns bald. Und du gehörst zu uns.“ Sie legte auf.

 

Natürlich handelt dieser spannende Roman auch von Problemen des Klimawandels, von alternativer Energiegewinnung und vom Ineinandergreifen der Rädchen von Politik und Wissenschaft. Aber am schönsten ist er da, wo es um die menschliche Substanz geht...

 

Gottseidank führe ich im Vergleich zu Michael Beard ein sehr ruhiges und entspanntes Leben. Ich bin ja auch kein Nobelpreisträger, erst recht kein Schürzenjäger. Vor ein paar Tagen besuchten mich zwei Reporter eines bekannten moldawischen Journals auf meinem Altersruhesitz in Dudweiler und baten um ein Interview. Ich habe es ihnen gewährt mit der (altersbedingten) Einschränkung: Bitte nur eine Frage!

 

Wer sich dennoch für das Interview interessiert, der klicke bitte

 

HIER

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