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Leo’s BLOG

Sein Leben

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Weihnachten 2012

Sweet-Tooth

Ian McEwan: Sweet Tooth. Random House, London, 2012

 

Ich-Erzähler ist auf den ersten Blick eine 43-jährige Frau, die aus ihrem Leben erzählt bis zu dem Zeitpunkt, da die Beziehung zu einem jungen Autor zerbrochen zu sein schien, den sie in ihrer Eigenschaft als Agentin des Britischen Geheimdienstes kennengelernt hatte. Der Autor dieses biografischen Narrativs ist jedoch in Wirklichkeit ihre letzte Liebe, nämlich jener junge Autor, wie der Leser in einem Brief erfährt, der das letzte Kapitel des Romans darstellt. Da jedoch Ian McEwan den Titel des Autors des Buches verdient, denn sein Name steht ja auf dem Cover, muss man den jungen Autor als Erzähler der Geschichte ansehen, der jedoch nicht als Ich-Erzähler auftritt, sondern als eine, wenn auch die wichtigste, handelnde Person neben der jungen Frau, die ihr Leben zu erzählen scheint. So taucht der eigentliche Ich-Erzähler nur als ER auf, während die Person im Mittelpunkt des Romans, Serena Frome, von sich zu erzählen scheint. Die Handlung spielt im Wesentlichen zwischen 1971 bis 1974, Serena deutet jedoch an, dass sie zur Zeit der Entstehung oder genauer: der Publikation dieser Geschichte, 43 Jahre alt ist. - Aber hier tut sich eine Unbestimmtheit auf: Der Roman wurde dem Handlungsverlauf zufolge schon 1973/1974 geschrieben. Und zwar offenbar von Tom Haley, dem jungen Autor, der, ohne dass er zunächst davon wusste, vom Geheimdienst finanziell massiv unterstützt wurde. Gewisse Vorausdeutungen im Handlungsverlauf und der Hinweis auf das aktuelle Alter von Serena Frome stellen diese Möglichkeit aber wiederum in Frage, denn Serena allein tritt ja als Erzählerin auf, was wiederum darauf hindeutet, dass sie selber die Geschichte niedergeschrieben hat und nicht Tom Haley, wie das letzte Kapitel nahelegt (Obwohl der in diesem Brief die Notwendigkeit betont, ganz vom Standpunkt Serenas aus erzählen zu müssen, ja quasi in sie hineinkriechen müsse, um eine wahrhaftige Geschichte erzählen zu können). - Kurz gesagt, wir haben hier ein herrliches Versteckspiel um die Erzählerschaft in diesem Roman. Und damit spiegelt der Roman erzähltechnisch eben das wieder, worum es inhaltlich geht, nämlich um ein Versteckspiel von interagierenden Personen, in dem keiner vom anderen alles weiß, oft eben auch völlig Falsches annimmt. Wie das im Reich der Geheimdienste eben der Fall ist.

Außer der Erzähltechnik sind aber auch andere Aspekte der Story bemerkenswert.

 

Serena hat im Wesentlichen zwei Geliebte. Tony Canning, ein Ex-Agent des Britischen Geheimdienstes, lässt sie nach einer furiosen Szene auf einem Parkplatz der Autobahn einfach stehen und verschwindet aus ihrem Leben. Er stirbt jedoch bald an Krebs, und Serena erhält erst ein paar Jahre später einen Umschlag mit einem Brief von ihm, in der er ihr über seinen Tod hinaus die Umstände und auch seine Liebe erklärt. Tom Haley hinterlässt ihr ebenfalls einen Brief, nachdem er verschwunden ist (jenes letzte Kapitel eben), in dem es auch um Umstände und Liebe geht. Mit Tony kann sie nun abschließen, mit Haleys Brief scheint ihr Leben erst richtig zu beginnen. Das Buch hat wirklich ein Happy End, das aber dadurch als Happy End, also als trivialer Schluss aufgehoben wird, dass von diesem Happy End mit keinem Wort gesprochen wird. Es ist sozusagen in der Erzählstruktur verborgen. Der Leser nimmt es achselzuckend zur Kenntnis, ohne in irgendeiner Weise überwältigt zu werden.

 

Zum Weiteren ist bemerkenswert, wie das Thema der literarischen Phantasie eingebracht wird. Tom bittet Serena eines Tages, ihm etwas aus ihrer Welt der Mathematik (sie hat Mathe in Cambridge studiert) zu erzählen, etwas Contra-Intuitives, etwas Paradoxes. Und sie erzählt ihm von einer Gameshow mit einem gewissen Monty Hall, in der Monty dem Kandidaten drei Kisten präsentiert, zwei sollen leer sein, in der dritten befindet sich etwas Kostbares. Der Kandidat entscheidet sich für Kiste A. Nun öffnet Monty, der weiß, wo der Schatz ist, Kiste C. Sollte sich der Kandidat nun bei seiner finalen Wahl für Kiste B entscheiden oder bei seiner ursprünglichen Wahl bleiben? Die richtige Wahl gemäß den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit wäre die Kiste B. Denn nachdem die Kiste C geöffnet ist, stehen die Chancen 2:1, dass sich der Gegenstand in Kiste B befindet. Tom, der das zunächst überhaupt nicht begreift, macht daraus jedoch eine Kurzgeschichte über einen Mann, der seiner Frau nachsteigt, die ihn offenbar betrügt. Er sieht sie in einem Hotel verschwinden, schleicht ihr nach bis zum obersten Stockwerk, wo sich drei Zimmer befinden: 401, 402, 403. Er hat nicht gesehen, in welches Zimmer sie mit ihrem Liebhaber verschwunden ist, und hinter den Türen ist alles still. Er entschließt sich, die Tür 401 einzutreten. Just in diesem Augenblick kommt jedoch jemand aus Zimmer 403, worauf er sich gegen die Tür 402 wirft und seine Frau mit ihrem Liebhaber überrascht. Doch Serena erkennt, dass Tom das Paradox nicht verstanden hat. Denn die Situation im Hotel ist eine ganz andere, da ja das Öffnen von Zimmer 403 kein in dieser Situation geplanter Akt war. Aber für Serena ist das nicht so wichtig. Sie ist in Tom verliebt und abends im Bett in ihrem kleinen Zimmer in London macht sie sich nun ein paar Gedanken darüber, wie Schriftsteller eigentlich arbeiten oder funktionieren. Wahrscheinlichkeitsberechnungen sind nur unwesentliche technische Details. Hier der Originaltext, Seite 214:

 

Finally, the calculations of probability were mere technical details. The strength of the story was elsewhere. As I lay in the dark, waiting for sleep, I thought I was beginning to grasp something about invention. As a reader, a speed-reader, I took it for granted it was a process I never troubled myself with. You pulled a book from the shelf and there was an invented, peopled world, as obvious as the one you lived in. But now, like Tom in the restaurant grappling with Monty Hall, I thought I had the measure of the artifice, or I almost had it. Almost like cooking, I thought sleepily. Instead of transforming the ingredients, there's pure invention, the spark, the hidden element. What resulted was more than the sum of the parts.

 

Verwandlung von Speisezutaten macht also das Wesen der narrativen Phantasie aus. Schöner kann man Serena, diese Schnell-Leserin, nicht verspotten. Oder ist das gar kein Spott? Funktioniert Phantasie nicht wirklich genau so? Jedenfalls wird deutlich, dass Tom Haley als Erzähler hergehalten hat. Serena hätte so etwas selber niemals so treffend, ja treffend beschreiben können...

 

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